Sie fahren kein Auto und denken, der Ölpreis gehe Sie nichts an. Sie arbeiten im Homeoffice, kaufen regional ein und heizen mit Wärmepumpe. Glückwunsch – weiter weg von der Zapfsäule kommt man im deutschen Alltag kaum.
Nur: Ihr Frühstücksbrötchen wurde geliefert. Ihr Kühlschrank läuft mit Strom. Ihre Wärmepumpe hängt am Strommix. Und das T-Shirt, das Sie gerade tragen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht frei von fossilen Rohstoffen oder energieintensiven Lieferketten.
In einer arbeitsteiligen Wirtschaft gibt es kein „die da“ und „wir hier“. Der Ölpreis wandert durch Transport, Produktion, Verpackung, Stromkosten, Logistik und Nachfrage. Die Frage ist nicht, ob er Sie betrifft. Die Frage ist nur, wie viele Ecken er nehmen muss, bevor er bei Ihnen ankommt.
1 | Schicht eins: Das Offensichtliche
Transport, Logistik, Handwerk, Pflege, Landwirtschaft, Heizung. Hier muss man nicht lange erklären, warum Energiepreise eine Rolle spielen. Das sieht man an der Zapfsäule, an der Nebenkostenabrechnung und inzwischen auch auf vielen Rechnungen.
Was viele unterschätzen, ist nicht das Ob, sondern das Ausmaß. Wenn Diesel teurer wird, steigen die Kosten des Lieferverkehrs. Wenn Gas und Strom teurer werden, steigen die Kosten von Kühlung, Backöfen, Maschinen, Werkstätten und Gebäuden. Diese Kosten verschwinden nicht aus Höflichkeit. Sie werden weitergegeben, aufgefangen oder an anderer Stelle eingespart.
Und genau dort beginnt das eigentliche Problem: Was beim Transport teurer wird, taucht später im Warenpreis auf. Was im Betrieb teurer wird, taucht später in der Dienstleistungsrechnung auf. Energie bleibt nicht an der Tankstelle stehen. Sie läuft durch die ganze Kette.
2 | Schicht zwei: Eine Stufe tiefer
Jetzt wird es interessanter. Denn der Ölpreis steckt nicht nur im Transport, sondern oft auch in den Produkten selbst.
Ihr Brötchen. Der Weizen wurde mit einem dieselbetriebenen Mähdrescher geerntet. Das Mehl wurde mit Erdgas getrocknet. Die Hefe wurde in einem energieintensiven Fermentationsprozess produziert. Die Verpackung besteht aus erdölbasiertem Kunststoff. Der Transport vom Lager zur Bäckerei: Diesel. Und dann steht der Bäcker morgens um 3 Uhr am Gasofen. Mindestens fünf Berührungspunkte mit dem Ölpreis – bevor Sie das Brötchen in den Mund nehmen.
Ihr Hausbau. Zement braucht Temperaturen von 900 Grad. Stahl braucht 1.500 Grad. Dazu kommen Transport der Baustoffe per LKW, Betrieb der Baumaschinen mit Diesel, und Asphalt für die Zufahrt – direkt aus Erdöl gewonnen. Wenn Baupreise steigen, liegt das nicht nur an Zinsen und Fachkräftemangel. Es liegt auch daran, dass Energie in fast jedem Baustoff steckt.
Ihr Restaurantbesuch. Lebensmittel werden produziert, gekühlt, geliefert und verarbeitet. Der Gastraum wird beheizt. Mitarbeiter müssen zur Arbeit kommen. Gleichzeitig haben die Gäste selbst weniger Geld übrig, wenn Mobilität und Lebenshaltung teurer werden. Der Gastronom spürt hohe Energiepreise auf der Kosten- und auf der Nachfrageseite. Ein ausgesprochen unerquicklich zuverlässiger Doppelschlag.
Ihr Friseurbesuch. Shampoo, Haarfarbe, Styling-Produkte – die Grundstoffe sind petrochemisch. Der Salon braucht Warmwasser, Heizung, Strom für Föhn und Glätteisen. Die Kosmetikerin nebenan hat dasselbe Problem in verschärfter Form: Cremes, Lacke, Wachse – fast alles erdölbasiert. Beide Betriebe wirken lokal und handwerklich. Die Kostenstruktur dahinter ist global und energieabhängig.
Ihr Hotelaufenthalt. Heizung oder Klimaanlage rund um die Uhr, täglicher Wäschewechsel in industriellen Waschmaschinen, Frühstücksbuffet (siehe Brötchen), Reinigungsmittel, Bettwäsche aus Polyester-Mischgewebe. Und wenn Geschäftsreisende sparen und Urlauber kürzer verreisen, weil alles teurer wird, sinkt die Auslastung – die Fixkosten pro Gast steigen. Auch hier: Doppelschlag.
3 | Schicht drei: Wo man es nicht erwartet
Hier liegt der Denkfehler vieler Debatten: Was digital, medizinisch oder „leicht“ wirkt, erscheint schnell als unabhängig vom Ölpreis. Das ist ein Irrtum.
Medikamente, Arztpraxis, Krankenhaus. Viele pharmazeutische Wirkstoffe werden aus petrochemischen Vorstufen synthetisiert – Ibuprofen, Paracetamol, Aspirin. Die Produktion findet in energieintensiven Reinräumen statt, der Transport in temperaturkontrollierten Lieferketten rund um den Globus. Wenn Ihre Ibuprofen-Packung teurer wird, ist das kein Apothekeraufschlag – das ist der Ölpreis, der durch fünf Produktionsstufen durchsickert.
Und es bleibt nicht bei der Pille. Einweghandschuhe, Spritzen, Desinfektionsmittel, Sterilverpackungen – Kunststoff, also Erdöl. Ein Krankenhaus ist ein Gebäude mit enormem Energieverbrauch: OP-Säle, Intensivstationen, Sterilisation, Wäscherei, Küche, 24 Stunden am Tag. Der niedergelassene Arzt heizt seine Praxis, fährt Hausbesuche und bestellt Verbrauchsmaterial, das per LKW kommt. So zu tun, als hätten Energiepreise und Gesundheitskosten nichts miteinander zu tun, wäre ähnlich plausibel wie ein Krankenhaus ohne Strom.
Kleidung. Rund 60 Prozent aller Textilfasern weltweit sind synthetisch – Polyester, Nylon, Acryl, also Erdöl. Und selbst dort, wo Naturfasern verarbeitet werden, bleiben Energie, Transport, Chemie, Färbung und weltweite Lieferketten erhebliche Kostenfaktoren. Sogar der Waschgang zu Hause verbraucht Strom und heißes Wasser. Kleidung ist kein ölpreisfreier Raum.
Digitale Dienstleistungen. Der Gedanke, Streaming, Cloud oder Software seien vom Ölpreis entkoppelt, ist besonders charmant – und besonders falsch. Hardware wird global produziert und transportiert. Rechenzentren verbrauchen massive Mengen Strom. Und wenn bei Unternehmen oder Haushalten an anderer Stelle Kosten explodieren, sinken eben auch Budgets für digitale Leistungen, Werbung, Abos und neue Aufträge. Der Ölpreis schlägt dort nicht immer direkt auf den Einzelpreis durch. Aber er wirkt über Kosten und Nachfrage mit.
Bildung. Schulgebäude werden beheizt. Schulbusse fahren Diesel. Lehrmaterialien werden hergestellt, gedruckt, verpackt und geliefert. Selbst die rein digitale Fortbildung hängt an Endgeräten, Netzen und Rechenzentren. Weniger sichtbar, aber keineswegs unabhängig.
4 | Schicht vier: Die kürzeste Liste der Welt
Und wo spielt der Ölpreis wirklich keine Rolle?
Wenn man ehrlich ist: fast nirgends.
Vielleicht bei einem Straßenmusiker, der zu Fuß zu seinem Stammplatz geht und auf einer geerbten Gitarre spielt. Keine Lieferkette, keine Werkhalle, kein Fuhrpark. Nur endet die Unabhängigkeit schnell. Denn wenn die Menschen weniger Geld im Portemonnaie haben, weil Energie, Transport und Wohnen teurer geworden sind, steht auch vor ihm ein kleineres Publikum mit engeren Taschen. Sein Produkt ist ölpreis-frei. Seine Kunden sind es nicht.
Das ist die Pointe, die in der politischen Debatte regelmäßig untergeht: Spritpreise sind kein Autofahrerthema. Sie sind ein Wirtschaftsthema. Jedes Unternehmen, das produziert, transportiert, heizt, kühlt oder einkauft, ist betroffen. Jeder Verbraucher, der Produkte oder Dienstleistungen nutzt, die produziert, transportiert oder betrieben werden mussten, ist betroffen. Also – mit Verlaub – alle.
5 | Warum das wichtig ist
Die Erkenntnis, dass Energiepreise durch die ganze Wirtschaft laufen, klingt banal. Sie hat aber konkrete Konsequenzen.
Für die Inflationsdebatte. Wenn Energie teurer wird, kommt der Effekt nicht gleichzeitig, sondern zeitversetzt in verschiedenen Branchen an. Was heute in Transport und Beschaffung teurer wird, steht morgen auf Rechnungen, später auf Preisschildern und irgendwann in Investitionsentscheidungen. Wer sagt, die Inflation sei unter Kontrolle, während die Energiepreise steigen, verwechselt eine Verzögerung mit einer Entwarnung.
Für die Regulierungsdebatte. Wer den Spritpreis isoliert reguliert, schaut auf ein Symptom an einer einzigen Stelle – während die Ursache durch alle anderen Kanäle weiterfließt. Eine Regel an der Zapfsäule hilft dem Pendler um 11:30 Uhr morgens. Sie hilft nicht dem Bäcker, dessen Mehlpreis gestiegen ist.
Für jeden, der meint, das gehe ihn nichts an. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft ist jeder für irgendwen Kunde, Auftraggeber oder Auftragnehmer. Wenn ein Rädchen stockt, bleibt es nicht bei diesem einen Rädchen. Es dauert nur eine Weile, bis der Rest es merkt.
Merksatz zum Mitnehmen: Die Frage „Wo steckt der Ölpreis nicht drin?" hat eine sehr kurze Antwort: fast nirgends. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft ist Energie der unsichtbare Bestandteil fast jeder Ware und fast jeder Dienstleistung. Wer über Energiepreise spricht, spricht über alles.
Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Volkswirtschaft für Erwachsene – wirtschaftliche Zusammenhänge, erklärt ohne Elfenbeinturm.
Petra Nieweg ist Rechtsanwältin und Diplom-Volkswirtin in Steinhagen. Sie berät Unternehmen und Privatpersonen an der Schnittstelle von Recht und Wirtschaft.
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